Zum MBA nach Asien?

Immer mehr Deutsche entscheiden sich für ein MBA-Studium in einem der boomenden Länder Asiens.

Immer mehr Deutsche entscheiden sich für ein MBA-Studium in einem der boomenden Länder Asiens.

Fachleute warnen jedoch vor dem unübersichtlichen Angebot und großen Qualitätsunterschieden.

Beruflich ging es für Kerstin Pötzsch steil nach oben: Nach ihrer Ausbildung zur Hotelmanagerin stieg sie in die Führung einer Luxushotelkette auf und wechselte dann zu Konkurrenten in Europa und im Mittleren Osten. Im Jahr 2008 übernahm die damals erst 32-Jährige die Verkaufsleitung bei Carlson Hotels Worldwide. „Es lief sehr gut für mich“, erinnert sich Kerstin Pötzsch. „Aber mir war bewusst, dass ich mich für den nächsten Sprung auf der internationalen Karrieretreppe wappnen musste.“

Die Hotelmanagerin entschied sich, berufsbegleitend an der National University of Singapore (NUS) zu studieren und dort eine „Asia-Pacific Executive MBA“-Ausbildung zu durchlaufen.

„Schlaf war während der letzten Monate purer Luxus“

Das 18-monatige Programm führte sie in zweiwöchigen Studiensegmenten nach Singapur, China, Indien, Indonesien, Vietnam und auf die Philippinen. Dozenten, die selbst als Geschäftsführer in Unternehmen vor Ort tätig waren, lehrten Pötzsch und ihre Kommilitonen asiatische Wirtschaftstrends, Unternehmenskulturen und Umgangsformen. „Man muss sehr diszipliniert sein, um das hohe Pensum an Vor- und Nachbereitungen durchzuarbeiten“, erinnert sich Pötzsch an ihre Studienzeit, die Ende des vergangenen Jahres zu Ende ging. „Schlaf war während der letzten Monate purer Luxus.“

Doch habe sich das Studium gelohnt: „Ich konnte im Bereich Geschäftsfeldentwicklung sehr viele Kontakte gewinnen“, berichtet die Hotelmanagerin, die heute zwischen den Standorten Frankfurt und Singapur wechselt. „Gerade in Asien kommt es darauf an, Trends rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Ihre Erwartungen an das Studium hätten sich „auf jeden Fall“ erfüllt. Das dürfte auch für andere Absolventen gelten, immerhin liegt nach Angaben der NUS der durchschnittliche Gehaltsanstieg der MBA-Absolventen bei 140 Prozent.

Die Nachfrage steigt – vor allem China ist bei den Studenten beliebt

Immer mehr Deutsche wechseln für ein wirtschaftliches Aufbaustudium in ein asiatisches Land. Noch gibt es dazu keine genauen Statistiken. Das wachsende Interesse an Asien ist nach Angaben von Fachleuten jedoch nicht zu übersehen. „Bei uns sind gerade in den letzten Jahren immer mehr Anträge eingegangen“, sagt Tim Goydke, an der Hochschule Bremen Studiengangsleiter des MBA-Programmes „East Asian Management“.

Obwohl MBA-Programme an asiatischen Hochschulen „wie Pilze aus dem Boden schießen“, befinde sich die Angebotsvielfalt noch in der Entstehung. „Noch vor zehn Jahren gab es praktisch keine Studienprogramme für ausländische Studierende in China oder Japan“, sagt Goydke.

Besonders die Nachfrage nach MBA-Programmen an chinesischen Hochschulen ist hoch. Dort liegt der Anteil von Studierenden aus einem anderen Land nach Angaben des Staufenbiel Instituts bei 30 bis 40 Prozent. „Führend bei der Nachfrage sind eindeutig China und Hongkong“, sagt Klaus Birk, Gruppenleiter für die Region Asien/Pazifik im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

Dabei reicht das Angebot von der ersten Liga der internationalen Business Schools, zu denen die China Europe International Business School gehört, bis hin zu kleinen lokalen Anbietern, deren akademisches Niveau fragwürdig ist.

Mittlerweile sind aus billigen Alternativen Topadressen geworden

Tim Goydke von der Hochschule Bremen schätzt, dass MBA-Programme in Asien 10 000 bis 15 000 Euro kosten. „Damit liegen sie in etwa auf dem Niveau wie an den europäischen Hochschulen.“ Noch vor einigen Jahren galten MBA-Programme in Asien als billige Alternative zu einem Studium an einer Kaderschmiede in Amerika oder Europa. Doch mit der steigenden Nachfrage haben auch die Asiaten die Preise erhöht: An Spitzeneinrichtungen wie dem Singapurer Campus der internationalen Business School Insead zahlt man
50 000 Euro je Programm. An amerikanischen Kaderschmieden kostet ein MBA-Programm freilich mehr als 100 000 Euro.

Shooting Star unter den asiatischen MBA-Anbietern ist Indien: Rund 2000 Business-Schulen bieten dort Programme an. Zu den führenden Hochschulen zählt das Indian Institute of Management. Viele deutsche Anbieter kooperieren mit indischen Partnern und bieten gemeinsame Programme an, zum Beispiel die WHU – Otto Beisheim School of Management, die Gisma Business School in Hannover oder die Mannheim Business School.

Ein Interesse für den asiatischen Markt sollte Voraussetzung sein

Martin Wolf, Geschäftsführer der Deutschen Asia Pacific Gesellschaft in Köln (DAPG), warnt jedoch vor übereilten Schritten: „Der Gang an eine asiatische Hochschule macht wirklich nur dann Sinn, wenn man ein spezielles Interesse für den Markt und die Unternehmenslandschaft vor Ort hat.“ Selbst versierte Manager, die sich jahrelang sicher zwischen Europa und Amerika hin- und herbewegt hätten, bekämen Schwierigkeiten mit der Sprache, den gesellschaftlichen Regeln und den Gepflogenheiten der Geschäftsaufnahme, wenn sie nach Asien kämen.

„Bevor Sie beispielsweise nach Indien gehen, müssen Sie für sich auch klären, ob Sie in diesem Land auch leben und sich bewegen können“, sagt Wolf und rät zu einer Informationsreise vorab. „Die Firmen in den Wachstumsmärkten expandieren und rekrutieren ihren Nachwuchs auch unter MBA-Absolventen vor Ort.“

Die Kontakte zu den Kommilitonen erleichtern den Einstieg

Der aus Freiburg stammende Mathis Wilke absolviert derzeit an der China Europe International Business School (CEIBS) in Schanghai ein MBA-Programm. Ein Studium in China hat er auch deshalb gewählt, weil er so tief in die Geschäftskultur des Landes eintauchen und Kontakte zu Alumni von CEIBS aufbauen kann, die schon in Führungspositionen aufgestiegen sind.

Natürlich habe auch er sich schon mal etwas verloren gefühlt, wenn er in einem von Chinesen dominierten Team Aufgaben lösen musste. Gleichzeitig lerne man dabei aber unschätzbar viel über die chinesische Perspektive, sagt er. Der 30-Jährige spricht inzwischen gut Chinesisch. Doch einen in chinesischen Schriftzeichen verfassten Mietvertrag zu unterschreiben fühle sich immer noch komisch an, sagt er. Da sei es gut, chinesische Freunde zu haben, denen man vertrauen könne.

Die MBA-Studenten wollen nicht nur Freunde fürs Leben, sondern auch Partner  für die spätere Karriere finden. „Gerade durch die Globalisierung ist das Pflegen von Beziehungen mit ehemaligen Studierenden Gold wert“, erklärt Hotelmanagerin Kerstin Pötzsch. „Mein MBA-Jahrgang hat bereits während des Studiums Unternehmen gegründet, gemeinsam in Joint Ventures investiert und Berufsofferten weitergeleitet.“ Pötzsch denkt darüber nach, sich selbständig zu machen. „Durch den MBA habe ich super Kontakte dafür.“

Wer auf der Suche nach dem passenden Studienprogramm ist, müsse bedenken, dass es große Qualitätsschwankungen gebe, warnt Tim Goydke von der Hochschule Bremen. „Alle Hochschulen haben schicke Hochglanzbroschüren, doch es ist schwierig zu erkennen, was wirklich dahintersteckt. Nicht alle genügen hohen akademischen Anforderungen.“ Auch Pötzsch hatte sich lange umgehört: „Monatelange Recherche, Teilnahme an vielen Info-Abenden verschiedener Business Schools und Universitäten, viele Gesprächen mit Absolventen - erst danach habe ich mich schließlich entschieden.“

Von Florian Vollmers (25.05.2012 FAZ Frankfurter Allgemeine)